Silvesterrant 2025
KI war nie da
Das Problem ist nicht KI. Das Problem ist bedeutungslose Fotografie.
Jedes Jahr gibt es eine neue Angst. Früher war es Photoshop. Dann das Smartphone. Jetzt ist es KI.
Und jedes Jahr wird behauptet, die Fotografie stehe kurz vor ihrem Ende.
Ja, KI ist eine disruptive Technologie. Sie verändert Arbeitsabläufe, Märkte, Bildsprachen. Sie wird Stockfotografie ersetzen, sie wird Mittelmaß beschleunigen und Oberflächen perfektionieren. Das ist unbestreitbar.
Aber sie ersetzt nicht das, was Fotografie im Kern ausmacht.
KI kann keine Realität festhalten.
Sie kann Realität simulieren, extrapolieren, neu zusammensetzen – aber sie war nie da. Sie stand nicht im Raum. Sie hat keine Luft geatmet, kein Zögern wahrgenommen, keinen Moment verpasst und keinen gerettet.
Vor allem aber: KI kann kein Gegenüber sein.
Ein gutes Porträt entsteht nicht aus Licht, Brennweite und Prompt. Es entsteht aus Beziehung.
Aus diesem einen Moment, in dem ein Mensch merkt: Ich werde gesehen.
Nicht bewertet. Nicht optimiert. Gesehen.
Diese Erfahrung lässt sich nicht rendern.
Ein Model verlässt ein gutes Shooting anders, als es gekommen ist. Vielleicht selbstbewusster, vielleicht ruhiger, vielleicht nur ein kleines Stück mehr bei sich. Dieses Gefühl – dass man gemeinsam etwas geschafft hat, das keiner von beiden alleine hätte erzeugen können – ist kein Nebenprodukt. Es ist das Zentrum.
KI kennt keine Unsicherheit.
Sie kennt kein Lampenfieber, kein Vertrauen, kein vorsichtiges Öffnen.
Sie weiß nicht, wie es sich anfühlt, vor einer Kamera verletzlich zu sein – und respektvoll begleitet zu werden.
Was viele fürchten, ist nicht KI.
Sie fürchten, dass Bilder ihren Wert verlieren.
Aber der Wert eines Fotos lag nie im Bild allein.
Er lag immer im Entstehungsprozess.
In der Entscheidung, da zu sein.
In der Verantwortung, mit einem echten Menschen zu arbeiten.
Im Risiko, dass etwas schiefgeht – und genau dadurch wahr wird.
Wenn KI deine Fotografie ersetzen kann, dann war sie vielleicht nie Fotografie, sondern Illustration.
Ich habe keine Angst vor KI.
Ich habe Angst vor einer Fotografie, die vergisst, dass sie ein soziales Handwerk ist.
Und genau deshalb werde ich weiter Menschen fotografieren.
Nicht, weil KI es nicht besser kann –
sondern weil sie es nicht fühlen kann.